Workshop II

Hinweis: Vera Blaser verfasste für HSoz-Kult einen eingehenden Bericht zum zweiten Workshop. Er kann hier eingesehen werden.

 

Der zweite Online-Workshop des Netzwerks fand am 18.06.2021 statt. Nachdem sich die Mitglieder bei dem ersten Treffen darauf konzentrierten, einander kennenzulernen und sich untereinander zu vernetzen war das Thema des zweiten Workshops Gehörlosengeschichte als Community History. Herausforderungen und neue Ansätze im (Wissens-)Austausch zwischen Wissenschaft und Stakeholdern.

 

So stellten zunächst Sonja Matter, Rebecca Hesse und Vera Blaser (Uni Bern) ihr Projekt „Integriert oder ausgeschlossen. Die Geschichte der Gehörlosen in der Schweiz“ vor, das Teil des größeren Schweizer Nationalfondprojektes „Fürsorge und Zwang" ist. Dabei gingen sie zunächst auf den allgemeinen Stand der Deaf History in der Schweiz ein.

In den drei Unterprojekte untersucht Vera die Geschichte der Integration gehörloser Jugendlicher und Erwachsener in den Arbeitsmarkt, Rebecca Hesse fragt ihrerseits nach der Herkunftsfamilie und Gründung eigener Familien im Leben gehörloser Menschen, während Sonja Matter den transnationalen Wissenstransfer und transnationalen Bewegungen der gehörlosen Community erforscht.

Als nächstes stellte Jana Hosemann (Uni Köln) ihr Projekt, „Die Lebensgeschichte tauber Senioren“, vor, das als Teil des größeren EU-Projektes The Sign Hub mit Videointerviews die Lebenserfahrungen dieser Generation erfragt und als kulturelles Erbe bewahrt.

Das dritte Projekt, „Gehörlosenkultur fördern. Die Umsetzung der UN-BRK“, stellte Mark Zaurov (Berlin) vor. Er widmet sich der Förderung der Gebärdensprache und Gehörlosenkultur, die nach UN-BRK Art. 30, Abs. 4, explizit in diese eingeschlossen sind, und ihrer Umsetzung in Deutschland. Dabei unterstrich er, dass die deutsche Gesetzgebung im Gegensatz zur UN-BRK noch immer eher auf die hörende Sicht ausgerichtet und von Audismus geprägt sei, und ging auf die Möglichkeiten ein, die das Bundesteilhabegesetz, aber auch gedenkpolitische Ansätze zur Korrektur dieser Problematik böten.

In der Diskussion zu den vorgestellten Projekten wurde abermals deutlich, dass die Präsentation der Ergebnisse und damit die Einbindung der Gehörlosengemeinschaft in die Geschichtsforschung ein zentrales Thema für das Netzwerk ist, dessen Realisierung mit großen Herausforderungen verbunden ist.

Um gemeinsam Antworten auf diese Fragen zu finden, stand im Programm als nächster Punkt der Input von Verbandsvertreter:innen. Helmut Vogel, Präsident des Deutschen Gehörlosenbundes, ging kurz auf die Geschichte und Aufgaben der Verbände ein, insbesondere der Gebärdensprachbewegung seit den 1970ern und der traditionell großen Rolle von Netzwerken in der Gehörlosenkultur. Offene Fragen sieht Vogel in der Aufarbeitung der traumatischen Auswirkungen von Oralismus, auch von offizieller Seite.

Harry Witzthum, Vertreter des Schweizer Gehörlosenbundes, betonte ebenfalls das Ziel, eine rechtliche Gleichstellung der Gebärdensprache zu erreichen und das vom Oralismus verursachte Leid aufzuarbeiten und anzuerkennen. Hier verwies Witzthum auf die aktuelle Arbeit des Schweizer Gehörlosenbundes, der hierfür eng mit der Wissenschaft zusammenarbeit.  So haben Wissenschaftler*innen der Universitäten Zürich und Bern Studien zur Unterdrückung der Gebärdensprache in Gehörlosenschulen und -heimen erstellt, die den SGB-FSS in seiner Argumentation für Gleichberechtigung unterstützen. In der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sieht Witzthum außerdem eine Chance, das eigene Selbstbewusstsein zu stärken.

Helene Jarmer, Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes (ÖGLB), berichtete von dessen Angeboten für die Gemeinschaft und wies auf die zwiespältige Situation in Österreich hin. Einerseits sei die ÖGS in der österreichischen Verfassung anerkannt; andererseits fehlt die Anerkennung der Gehörlosenkultur. Um hierfür Bewusstsein zu schaffen, habe der Gehörlosenbund u.a. das türkisfarbene Ribbon initiiert. In der darauffolgenden Diskussion wurde abermals unterstrichen, dass die Gehörlosengemeinschaft vielfältige Arten von Erfahrung und Hörstatus in sich vereint.

Die Abschlussdiskussion des Workshops ergab, dass ein großes Interesse an weiterem Austausch untereinander besteht, und fragte danach, wie dieser Austausch verstetigt werden könnte.

Der Workshop schloss mit der öffentlichen Keynote mit Dr. Octavian Robinson von der Gallaudet University. Unter dem Titel „The Personal is Historical: Creating narratives through reciprocal processes” stellte Robinson seine Forschung zum Zusammenspiel von und den Differenzen zwischen Gehörlosencommunity und Geschichtswissenschaft vor. Er verwies auf ableistische Einstellungen auch innerhalb von Gehörlosengemeinschaft und betonte, dass Deaf History oft noch homogen sei. Wo sind die Frauen, und wo sind die anderen Geschlechter? Wer darf mitdiskutieren, wessen Perspektive wird berücksichtigt, welche Machtgefälle und Widerstände gegenüber der Aufarbeitung unbequemer Themen gibt es?

Insgesamt bleibt als Fazit des Workshops das große Bedürfnis nach mehr Austausch und einer Präsentation von Forschungsergebnissen die für die Gehörlosengemeinschaft barrierefrei zugänglich ist.