Zusammenfassung:

Das Teilprojekt versteht sich als philosophische Grundlagenreflexion auf das Rahmenthema der FOR. Es versucht, allgemeine Einsichten in die Zeitstruktur menschlichen Lebens und in die temporalen Bedingungen für ein individuell gutes Leben zu gewinnen. Diese Einsichten sollen einerseits dem besseren Verständnis der Auswirkungen medizinischer Innovationen auf den Umgang mit der eigenen Lebenszeit dienen, andererseits aber auch selbst an Beobachtungen zu den drei medizinischen Anwendungsszenarien, von denen die FOR exemplarisch ausgeht, geschärft, modifiziert und ggf. revidiert werden.

Systematisch geht es dem Teilprojekt erstens darum, im Austausch mit allen anderen Teilprojekten ein Verständnis der Rede vom „guten Leben“ zu umreißen, das sich auf der Höhe der philosophischen Fachdiskussion bewegt und zugleich für die Untersuchungsgegenstände der Teilprojekte jeweils zugeschnitten und operationalisierbar gemacht werden kann. Anders als in der einschlägigen Literatur zu Fragen des guten Lebens sollen dabei von Anfang an Überlegungen zu den Zeitdimensionen des menschlichen Lebens einbezogen werden. Zweitens sollen im Teilprojekt diese zeitlichen Dimensionen differenziert und in ihrem Zusammenhang dargestellt werden. Leitend ist dafür die These, dass wir unser Leben nicht nur in der Zeit führen, sondern der Lebensvollzug selbst eine eigene Zeitstruktur hat. Drittens werden im Teilprojekt Vorschläge für das Verständnis der Zeitstruktur speziell eines guten Lebens entwickelt. Dies geschieht in Form von Thesen zu einem gelingenden Umgang mit der Zeit des eigenen Lebens, die im Austausch mit den anderen Teilprojekten und angesichts neuer medizinischer Möglichkeiten auf ihre empirische Plausibilität geprüft werden sollen. Die Vorschläge zum Verständnis der Zeitstruktur des guten Lebens sind am Leitbegriff der Zeitsouveränität im Sinn der produktiven Aneignung der Zeit des eigenen Lebens ausgerichtet.

Der Austausch mit den anderen, stärker empirisch ausgerichteten Teilprojekten ist für das philosophische Teilprojekt nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil philosophische Konzeptionen aufgrund ihrer unvermeidlichen Allgemeinheit oft mit unausgesprochenen Normalitätsunterstellungen arbeiten, die sich gerade im Licht einschneidender medizinischer Innovationen und gesellschaftlicher Veränderungen als zweifelhaft erweisen können. Die Brüchigkeit von Normalitätsunterstellungen, zumal von temporalen, führt uns gegenwärtig die Corona-Pandemie dramatisch vor Augen.

Zusammenfassung:

Das Teilprojekt untersucht aus Perspektive einer fernsehwissenschaftlich ausgerichteten Neueren deutschen Literatur- und Medienwissenschaft die (massen-) mediale Darstellung und Verhandlung von zeitlichen Vorstellungen guten Lebens im Kontext der Medizin. Wie werden veränderte Zeitvorstellungen angesichts aktueller medizinischer Entwicklungen und individuelle Neuorientierungen im Blick auf ein gelingendes Leben im deutschen linearen Fernsehen und in nicht-linearen Streaming-Angeboten wahrgenommen und televisuell gestaltet? Die genannten Massenmedien bieten sich als Untersuchungsobjekte für die Analyse zeitlicher Orientierungsmuster geradezu an, weil die Frage nach den Bedingungen und (ethischen) Begründungen eines guten Lebens zentraler, expliziter wie impliziter inhaltlicher Bestandteil aller ihrer Formate ist. V.a. aber wird ihnen die Funktion zugeschrieben, in moralisch-diskursiver Hinsicht eine „Medienmedizin“ (Wulff 2001, 247, 258) zu vermitteln. Außerdem dokumentieren und archivieren sie den veränderten Umgang mit der eigenen Lebenszeit, die durch Krankheiten, Erfahrungen des Alterns oder durch medizinische Entwicklungen neu befragt wird; sie tragen sowohl zur interdiskursiven Popularisierung von Wissen als auch zur Normalisierung von Lebens- und Gesellschaftsentwürfen bei, wobei sie ‚Popularität‘ und ‚Normalität‘ zugleich als Effekte medialer Prozesse beobachtbar machen; und bisweilen haben sie aufgrund ihres immersiven Potentials entlastend-therapeutische Funktionen, können aber auch verunsichern. Gerade in den fallbeispielhaften Erzählungen einer solchen Medienmedizin (Narrativisierung) wird die Wechselbeziehung von medizinischer und gesellschaftlicher Veränderung nicht nur besonders deutlich; vielmehr wird sie dort auch aufgrund der massenhaften Adressierung breiter Bevölkerungsschichten ausgehandelt und kulturell wirkmächtig. Der in der leitenden These der FOR angesprochene Zusammenhang zwischen Medizin und Lebenszeit wird so mit Blick auf dessen öffentliche Wahrnehmung im deutschen Fernsehen hin diskutiert und differenziert, ggf. sogar korrigiert. Ausgerichtet am Leitbegriff der Zeitsouveränität untersucht das Teilprojekt alle drei für die FOR thematisch maßgeblichen Anwendungsszenarien, indem es danach fragt, wie sich diese als Form populärer Medizin(-ethik) darstellen. Es steht deshalb im engen Austausch mit den TP 4 (Soziologie/‌Sozialpsychologie) und TP 5 (Ethik der Reproduktionsmedizin) sowie den TP 6 (Allgemeinmedizin) und TP 7 (Ethik der Altersmedizin). Durch die Ausrichtung auf (Krankheits-)Narrative ist das Teilprojekt unmittelbar mit TP 3 (Psychokardiologie) verknüpft. In grundlegender, theoretisch fundierender Hinsicht – also mit Blick auf Fragen der Zeitlichkeit und des guten Lebens – ist es auf eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit TP 1 (Philosophie) angewiesen.

Zusammenfassung:

Das Teilprojekt betrachtet bei Menschen, die von einer vorzeitigen und damit subjektiv oft „unzeitigen“ Herzkrankheit betroffen sind, Veränderungen in der Wahrnehmung und Gestaltung eines für sie guten Lebens. Untersucht wird an und mit diesen Personen und einer Gruppe von Angehörigen, wie die Herzerkrankung das Erleben und die Gestaltung der Zeit, etwa Aspekte von Zeitsouveränität, Generationenbeziehungen sowie den Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beeinflusst, ob und wie das veränderte Zeiterleben zu der bei diesen Personen gehäuften Inzidenz psychosozialer Folgeprobleme bzw. psychischer Störungen beiträgt bzw. hierdurch zusätzlich akzentuiert wird und wie sich die zunehmend als zentrales medizinisches Therapieziel akzeptierte Lebensqualität der Betroffenen als eine ganzheitliche und in einer Zeit­perspektive verortete Vorstellung vom guten Leben verstehen lässt. Hierfür wird nach einer interdisziplinären Erarbeitung der zugrundeliegenden Begriffe und Konzepte eine vorwiegend qualitative empirische Querschnittsuntersuchung konzipiert und durchgeführt. In dieser soll mittels Interviews u.a. auf der Grundlage phänomenologischer Psychopathologie und opera­tio­nalisierter psychodynamischer Diagnostik ein mehrdi­men­sionales Bild von Vorstellungen guten Lebens in der Zeit bei diesen Personen vermittelt, Defizite etablierter Instrumente zur Lebensqualitätsmessung in der Medizin sowie bislang unzureichend gedeckte Unterstützungs- bzw. Behandlungsbedarfe aufgezeigt und Perspek­tiven für die Weiterentwicklung von Lebensqualitätsmessung und gezielten Interventionen skizziert werden. Das Teilprojekt stimmt sich in der ersten Phase zur theoretischen Fundierung eng mit TP 1 (Philosophie) ab, dem es in der Folge empirisches Material zur Überprüfung seiner theoretischen Annahmen zur Verfügung stellt. Durch gezielte Betrachtung von Geschlechtereffekten, etwa im Bereich der Familienplanung junger Frauen und Männer mit Herzerkrankung, ergeben sich Anknüpfungspunkte an die reproduktions­medi­zinischen Fragestellungen der TP 4 (Soziologie/Sozialpsychologie) und TP 5 (Ethik der Reproduktionsmedizin). Die gewonnenen Videointerviews und darin enthaltenen Narrative sollen in Zusammenarbeit mit TP 2 (Film/Fernsehen) hinsichtlich des enthaltenen szenischen Materials, ande­rer­seits textanalytisch unter Nutzung der in den TP 5 (Ethik der Reproduktionsmedizin) und TP 6 (Allgemeinmedizin) vorhandenen Methoden­kompetenz ausgewertet werden. Die nach klinischer Erfahrung erwartete Wahr­nehmung vorzeitigen Altseins durch Menschen, die im jungen oder mittleren Lebensalter eine Herzkrankheit erleiden, wirft Fragestellungen auf, die mit Hilfe des begrifflich-konzeptionellen Instrumentariums von TP 7 (Ethik der Altersmedizin) und vergleichend mit den empirischen Erkenntnissen von TP 6 (Allgemeinmedizin) bearbeitet werden können.

Zusammenfassung:

Im Rahmen dieses Teilprojekts werden normative und praktische Orientierungen in Bezug auf das Timing – die zeitliche Planung und Realisierung – von Mutterschaft im Horizont reproduktionsmedizinischer Möglichkeiten untersucht. Das Timing des Mutterwerdens bezieht sich auf physiologische Bedingungen und Limitierungen (Zeiten der Fruchtbarkeit bzgl. Zyklus, Alter usw.) und soziale Aspekte (im Sinne günstiger Zeitpunkte bzgl. Partnerschaft, Ausbildung, Beruf, ökonomischer Situation u.a.), die zusammenwirken, wobei für die zeitliche Steuerung auch medizinische Möglichkeiten wahrgenommen werden.
Forschungsleitend wird zum einen davon ausgegangen, dass sich medizinische Möglichkeiten im Kontext von Reproduktion auf temporale Normierungen des Lebenslaufs auswirken. Zum andern besteht die Annahme, dass – im Sinne einer Wechselwirkung – diese Möglichkeiten auch verstärkt in Anspruch genommen sowie neu bewertet werden, um lebenszeitliche Herausforderungen wie etwa Vereinbarkeits-, Optimierungs- und Zeitkonflikte bezüglich Beruf und Familie zu bewältigen, die mit Fertilität und Elternwerden verknüpft sind.
Der Begriff des Timings akzentuiert hierbei eine eher aktive Zeitgestaltung: den Versuch, biografisch den als richtig oder optimal angesehenen Zeitpunkt zu finden und dadurch Zeitsouveränität zu vergrößern. Zugleich ist mit zu berücksichtigen, dass allzu aktive Haltungen auch kontraproduktiv sein können, wenn durch Anpassungs-, Erfolgs- und Optimierungsdruck zugleich Heteronomie zunimmt. Das Bemühen um optimiertes Timing kann insofern praktisch und normativ ambivalent wirken. Auch mit Blick auf ethische Fragestellungen des Gesamtprojekts sind daher neue Verhaltensorientierungen im Kontext reproduktionsmedizinischer Möglichkeiten mit ihren potenziell ambivalenten Folgewirkungen – sowie damit verbundene Deutungen und Sinnperspektiven eines guten Lebens in der Zeit – von besonderem Interesse.
Entsprechend geht es um die Fragen, wie 1. Reproduktion bzw. Mutterschaft im Lebensverlauf und in der individuellen Biografie normativ mit Zeitlichkeit und mit Vorstellungen eines guten Lebens in der Zeit verknüpft ist; welche Rolle 2. die Inanspruchnahme oder Wahrnehmung re-produktionsmedizinischer Praktiken und Angebote spielen; 3. auf welche Weise dabei Relationen oder potenzielle Widersprüche zwischen Heteronomie und Autonomie, Gelingen und Misslingen, Anpassung an soziale Normen und Eigensinn, Optimierungsbestreben (oder -druck) und Gelassenheit (auch im Sinne der Anerkennung von Begrenztheit) in der Lebensführung zum Ausdruck kommen und verarbeitet werden.
Dazu werden narrative Interviews mit Frauen sowie Interviews mit medizinischen Expertinnen und Experten (aus Gynäkologie und Reproduktionsmedizin) zum reproduktiven Timing geführt und ausgewertet. Im Mittelpunkt dieses Teilprojekts steht somit eine sozialempirische Untersuchung, das diesen – bislang in dieser Weise nicht erforschten – Fragen nachgeht.
Das Teilprojekt kooperiert bezüglich der übergreifenden Themen mit den anderen Teilprojekten, insbesondere mit TP 5 (Ethik der Reproduktionsmedizin) zu normativen Konzepten und Erwartungen. Mit TP 2 (Film/Fernsehen) werden Befunde zu medial transportierten Orientierungsmustern hinsichtlich der Zeitlichkeit des Mutterwerdens und zur Reproduktionsmedizin ausgetauscht. Im Abgleich mit TP 3 (Psychokardiologie) geht es um reproduktives Timing im Kontext von Erkrankung. Weiterhin werden die Analysen des ZIP sowie von TP 1 (Philosophie) in die Konzeptbildung zur Zeitstruktur des guten Lebens einfließen, insbesondere in die Konstruktion von Leitfäden für Expert/innen-Interviews sowie die Auswertung der erhobenen Daten.

Zusammenfassung:

Kinder zu haben und eine Familie zu gründen stellt für viele Menschen einen wesentlichen Aspekt guten Lebens dar. Während die irreversible zeitliche Begrenzung der Fortpflanzung in der Mitte des Lebens zumindest für Frauen über Jahrhunderte hinweg als Selbstverständlichkeit galt, scheint diese Lebensphase mit den Möglichkeiten der modernen Medizin und insbesondere der Fortpflanzungsmedizin zum Objekt von Planung, Steuerung und Optimierung zu werden. Die sprichwörtliche „biologische Uhr“ – so lautet ein Versprechen – könne angehalten, die Fortpflanzung zeitlich dynamisiert werden. Bei den fortpflanzungsmedizinischen Angeboten handelt es sich um ein weites Spektrum von Techniken wie der In-vitro-Fertilisation, insbesondere der Fortpflanzung mit Hilfe von Samen- und Eizellspende, der Kryokon­ser­vierung von Gameten, der präkonzeptionellen, präimplantativen und pränatalen Diagnostik, und nicht zuletzt des Schwangerschafts­abbruchs sowie der Schwangerschaftsverhütung. Alle diese Techniken eröffnen die Möglichkeit, in den zeitlichen Ablauf der menschlichen Fortpflanzung und deren Verortung im Lebensverlauf einzugreifen und Fortpflanzung planbarer und steuerbarer, mithin einer zeitlichen Optimierung zugänglich zu machen. Damit einher gehen implizite oder explizite normative, in der medizinethischen Debatte bisher vergleichsweise wenig reflektierte Vorstellungen guten Lebens und angemessener Zeitlichkeit. Im Forschungsprojekt sollen – gestützt auf die Methodik einer empirisch informierten Ethik sowie in engem Austausch mit den anderen Teilprojekten und insbesondere TP 3 (Psychokardiologie) und TP 4 (Soziologie/Sozialpsychologie) – die teils dramatischen zeitlichen Verwerfungen und Verschiebungen im Lebenslauf auf der einen und die Planungs- und Optimierungs­anstrengungen auf der anderen Seite mit ihren jeweiligen Auswirkungen auf gängige Vorstellungen guten Lebens untersucht und aus ethischer Perspektive bewertet werden.

Zusammenfassung:

Vor dem Hintergrund zunehmender Möglichkeiten der modernen Medi­zin untersucht TP 6 die Versorgungs­präferenzen von Menschen im höheren Lebensalter sowie die Versorgungsprioritäten medizinischer und pflegerischer Fachkräfte, die ältere Menschen behandeln. Zugrunde liegt die Annahme, dass die Präferenz oder Ablehnung medizinischer Behandlungen durch individuelle und gesellschaftliche Altersbilder sowie durch das Bewusstsein der Endlichkeit des Lebens beeinflusst wird. Ebenso wie ältere Menschen selbst sind auch Fachkräfte von gesellschaftlichen Bildern vom Alter(n) und damit verbundenen Vorstellungen von altersangemessener Gesundheit geprägt, die einem ständigen Wandel unterliegen. Was vor 100 Jahren noch als ‚normale‘ Alterserscheinung galt, wird heute als Krankheit medizinisch behandelt. Basierend auf dieser Vorannahme untersucht das Teilprojekt mittels Fokusgruppendiskussionen und ergänzenden Einzelinterviews mit älteren Menschen sowie medizinischen und pflegerischen Fachkräften die Wahrnehmung von Alternsprozessen und deren Bewertung im Spannungsfeld von „Ba­gatel­lisierung“ oder „Pathologisierung“ sowie die daraus resultierenden Versorgungspräferenzen und -prioritäten dieser drei Gruppen.

Die interdisziplinäre Ausrichtung des Gesamtprojekts ermöglicht einerseits, dass Analysebegriffe und theoretische Konzepte aus den TP 1 (Philosophie) und TP 7 (Ethik der Altersmedizin) sowie normativ wirksame Narrationen in Film und Fernsehen aus TP 2 bei der sozialwissenschaftlichen Datenerhebung berücksichtigt werden. Andererseits sollen die Ergebnisse der Fokusgruppen- und Einzelinterviews die ethischen Diskurse über Vorstellungen des guten Lebens und besonders über gelingendes Altern empirisch unterfüttern. Dadurch erweitert TP 6 die ethischen Diskurse über Vorstellungen guten Lebens in Bezug auf das höhere Lebensalter sowie um eine medizinische und pflegerische Perspektive und trägt wesentlich zur medizinethischen Theoriebildung bei.

Zusammenfassung:

Das Teilprojekt untersucht das Verhältnis von moderner Medizin und den zeitlichen Bedingungen eines guten Lebens im Hinblick auf das Altern als Prozess sowie das höhere Alter als Lebensphase. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Zusammenhang zwischen alter(n)sbezogenen Formen der Gesundheits­versorgung und verschiedenen Vorstellungen guten, gelingenden Alter(n)s. Das zentrale medizini­sche Anwen­dungsfeld bilden die hausärztliche und geriatrische Praxis sowie die pflegerische Versorgung. Daneben werden auch Aspekte aus Kardiologie und Reproduktionsmedizin berücksichtigt. Das Teilprojekt reichert dabei die bisher vor­wie­gend theoretisch-philoso­phisch ausge­rich­teten ethischen Überlegungen zum Alter(n) durch die medizin­ethische Analyse sozialwissenschaftlicher und medi­enkultur­wissen­schaft­licher For­schungs­­er­gebnisse empirisch und hermeneutisch an. Im Rahmen der FOR fügt es zugleich den auf die Phasen des jüngeren bzw. mittleren Lebens­alters bezo­genen TP 3 (Psychokardi­o­logie), TP 4 (Soziologie/Sozialpsychologie) und TP 5 (Ethik der Repro­duktionsmedizin) eine systematisch auf das Altern und das höhere Le­bens­alter ausgerichtete Forschungs­perspektive hinzu. Dabei wird es einer­seits auf die philo­so­phi­schen Analysen im TP 1 (Philosophie) zurückgreifen, um sie mit Blick auf diese Lebens­pha­se medizin­ethisch zu kon­kretisieren. Andererseits werden die einschlägigen sozial-empirischen und medienkulturwis­sen­­schaftli­chen Erhebungen lebens­welt­licher und medialer Narrative in TP 2 (Film/Fernsehen), TP 3 (Psycho­kardiologie), TP4 (Soziologie/Sozialpsychologie) und insbe­sondere TP 6 (Allgemeinmedizin) unter medizinethi­schen Gesichtspunkten ausgewertet und damit ihrerseits in einen ethischen Theorie­rahmen gerückt. Auf diese Weise sollen zeitenthobene Verständnisse mensch­lichen Glücks, Sinns und Wohlergehens durch eine empirisch informierte ethische Betrach­tungs­weise ergänzt werden, die die Bedeutung der zeit­li­chen Erstreckung und Ver­laufs­struktur guten Lebens im Kontext von Medizin und Gesundheitsversorgung angemes­sener zu berücksichtigen vermag.   

Zusammenfassung:

Die von der FOR in den Blick genommenen wechselseitigen Beziehungen zwischen Medizin und der Zeitstruktur guten Lebens sind nur in systematischer Verschränkung philosophisch-medizinethischer und empirisch-hermeneutischer Perspektiven angemessen zu untersuchen. Erst in einer solchen multi­perspektivischen Herangehensweise zeigen sich die übergreifenden Zusammen­hänge zwischen scheinbar disparaten Fragen des Umgangs mit chronischen Erkrankungen, der Planung und Steuerung von Fortpflanzung oder der Gesundheitsversorgung im Alter, die üblicherweise in ganz unter­schiedlichen medizinischen und lebensgeschichtlichen Handlungszusammenhängen verhandelt werden. Dabei ist eine grundlegende theoretische und methodologische Ver­ständi­gung über die verschiedenen involvierten disziplinären Ansätze, Fragestellungen und Vorgehens­weisen sowie die relevanten sozialen Ak­teursperspektiven von entscheidender Bedeutung für die Entwick­lung eines umfassenden und differenzierten Bildes der zeitlichen Bedingungen guten Lebens im Horizont der modernen Medizin.

Vor diesem Hintergrund verfolgt das Zentral- und Integrationsprojekt (ZIP) drei Ziele: Erstens strebt es eine begrifflich-konzeptionelle Verknüpfung philosophischer Perspektiven des guten Lebens mit verwandten Begrifflichkeiten aus Sozial-, Kultur- und Gesundheitswissen­schaften an. Zweitens verfolgt es eine diachrone Synthese der verschiedenen untersuchten Lebensphasen und medizinischen Praxisfelder mit Blick auf den gesamten Lebensverlauf. Drittens schließlich soll das ZIP dazu beitragen, philosophische und medizinethische Reflexionen auf das gute Leben in der Zeit mit entsprechenden empirischen sozial- und medienkultur­wissenschaft­lichen Analysen lebens­weltlicher Orientierungen und medialer Narrative in einer theoretisch-methodologisch reflektierten Verbindung von Ethik und Empirie zusammenzu­führen, um sie für die verschiedenen Fächer und insbesondere für die Medizin anschlussfähig zu machen. Es trägt auf diese Weise wesentlich zur systematischen Integration, Synthese und Fort­ent­wicklung der interdisziplinären Zusammen­arbeit bei. Die Zusammenschau der verschiedenen medizini­schen Anwendungs­felder und biogra­phischen Kontexte der Psychokardio­logie, Reproduktions­medizin und Altersmedizin soll über­greifende begriffliche, theoretische und metho­dolo­gische Per­spektiven einer Ethik der Zeitstrukturen guten Lebens im Horizont der modernen Medizin eröffnen. Dabei sind in der Reflexion des gemeins­amen For­schungs­prozesses auch theo­retisch-methodo­logische Anforderungen dieser Art interdiszi­plinärer Forschung an der Schnittstelle von Ethik und Sozial-, Kultur- und Gesundheitswissenschaften zu formu­lieren. Schließlich soll das ZIP darauf hin­wirken, dass von der FOR Anregungen für eine öffentliche Verständigung über zeitliche Bedingungen eines guten Lebens im Horizont medizinischer Möglichkeiten ausgehen.