Projekte zu Public Health der Forschungsgruppe Schicktanz


Seit 2021: Arbeitsgemeinschaft inter-generationelle Gesundheitsethik

Aktuell sind folgende Personen an dieser AG beteiligt:
Prof. Dr. Silke Schicktanz silke.schicktanz(at)medizin.uni-goettingen.de
Dr. Shingo Segawa shingo.segawa(at)med.uni-goettingen.de

Prof. Dr. Mark Schweda mark.schweda(at)uni-oldenburg.de
Nils Groppe-Ellrich (Oldenburg)
Prof. Dr. Christoph Rehmann-Sutter christoph.rehmannsutter(at)uni-luebeck.de
Prof. Dr. Claudia Bozarro claudia.bozzaro(at)iem.uni-kiel.de
Dr. Anke Erdmann erdmann(at)iem.uni-kiel.de
Dominik Koesling dominik.koesling(at)iem.uni-kiel.de

Die Arbeitsgemeinschaft inter-generationelle Gesundheitsethik (AiG) ist ein Forschungsnetzwerk, das sich medizin- und bioethischen Fragen widmet, die das Verhältnis zwischen Generationen und generell die Ausrichtung auf die Zukunft betreffen. Dazu gehören u.a. gesundheitsbezogene Fragen der Nachhaltigkeit, der Klimagerechtigkeit, der Genetik und der Prävention. Sie thematisiert Medizin als dynamisches Feld interprofessioneller sozialer Praktiken, die sich in gesellschaftlichen und politischen Kontexten entwickeln und verändern. Sie verfolgt Ansätze zur ethischen Reflexion, die von Beziehungen aus denken, für Fragen der Ungerechtigkeit sensibel sind und auch sozial- und kulturwissenschaftliche Ansätze mit einbeziehen. Desweiteren sind Methoden der mittel- bis langfristigen normativen Bewertung, der Antizipation und der Zukunftsentwürfe Gegenstand ihrer ethischen Auseinandersetzung.


2020 – 2021: Forschungsprojekt: „COMPASS – Coordination on Mobile Pandemic Apps Best Practice and Solution Sharing“
Teilprojekt „Ethisch-gesellschaftliche Anforderungen“

Bearbeitet von:
Lorina Buhr, M.A. lorina.buhr(at)med.uni-goettingen.de

Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Silke Schicktanz silke.schicktanz(at)medizin.uni-goettingen.de
Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
Laufzeit: Sept. 2020 – März 2021

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Ziel des Projekts COMPASS (Coordination on mobile pandemic apps best practice and solution sharing) ist der Aufbau einer Plattform für die nachhaltige Koordination von Pandemie-Apps sowie die Bereitstellung konkreter Methoden und Werkzeuge für deren Umsetzung nach aktuellem Stand der Wissenschaft, Technik und Gesetzgebung.

Der bundesweite Ansatz von Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft soll durch die koordinierte Erfassung, Aufbereitung und Bewertung von Pandemie-Apps sowie die Erstellung von Handlungsempfehlungen dazu beitragen, die Entwicklung und den Einsatz von digitalen Lösungen nachhaltig in der Pandemiebewältigung zu verankern.

Die Frage nach der ethischen Legitimität von auf Pandemien bezogenen Apps wird derzeit vor allem mit dem Blick auf Apps zur Kontaktverfolgung gestellt, da hier der Eingriff in die Privatsphäre und die Missbrauchsmöglichkeiten evident sind. Ein zentraler Aspekt der Apps zur Kontaktverfolgung ist: nur eine große Verbreitung der App kann einen effektiven Beitrag zum Pandemiemanagement leisten, so dass sich die ethische Sinnhaftigkeit direkt aus dem tatsächlichen Verbreitungsgrad ergibt. Dies führt zur Abwägung zweier Güter – Privatsphäre und kollektiver Gesundheitsschutz. Im Fall der von der Bundesregierung herausgegebenen Corona-Warn-App musste bspw. soweit auf den Schutz der Privatsphäre Rücksicht genommen werden, dass dies nicht einfach mit Verweis auf entsprechender Datenschutzklauseln und Nutzungsbedingungen gelöst werden konnte.

Es gibt aber auch Apps und digitale Anwendungen, die nicht für die Kontaktverfolgung, sondern zu anderen Zwecken im Rahmen der Bewältigung von Infektionskrankheiten entwickelt werden, z. B. zur Unterstützung der Erforschung von Infektionskrankheiten. Bisher gibt es jedoch nur wenige empirische Studien, die die Einstellung und Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber solchen forschungskompatiblen, zumeist datenintensiven digitalen Anwendungen erhoben und für eine ethische Reflexion aufbereitet haben. Im Rahmen einer repräsentativen Umfrage soll die Einstellung und Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber verschiedenen digitalen Lösungen mit Bezug auf die Bewältigung und Erforschung von pandemischen und epidemischen Infektionskrankheiten erforscht werden. Die Einstellungs- und Akzeptanzerhebung wird in die Entwicklung von ethisch und gesellschaftlich reflektieren Handlungsempfehlungen einfließen. Ergänzend wird eine systematische Literaturrecherche (‚Scoping Review‘) zu ethischen Design- und Handlungsempfehlungen für Smartphone Apps im Kontext der Eindämmung und Erforschung von Epidemien und Pandemien durchgeführt.


2020 – 2022: Forschungsprojekt: „Medizin und Ethik werden viral: Ethik in Zeiten der Corona Pandemie - Ein globales Mapping von bioethischen Perspektiven“

Bearbeitet von:
Prof. Dr. Silke Schicktanz sschick(at)gwdg.de
Prof. Dr. Sabine Wöhlke Sabine.Woehlke(at)haw-hamburg.de
Jane Mailin Vonderschmitt j.vonderschmitt(at)stud.uni-goettingen.de

Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Silke Schicktanz sschick(at)gwdg.de
Förderung: VolkswagenStiftung
Laufzeit: Sept. 2020 – Juli 2022

Seit dem Frühjahr 2020 hat sich das Corona-Virus Sars-Cov-2 weltweit ausgebreitet und verursacht seitdem global dramatische Folgen bezüglich medizinischer, politischer, wirtschaftlicher, kultureller und bioethischer Dimensionen. Obwohl sich die daraus resultierenden Konflikte anfangs recht ähnlich erwiesen, deuten sie bei genauerer Betrachtung auf eine länder- und kulturspezifische Zuspitzung und Differenzierung der Problemthemen hin.

Mithilfe einer qualitativen Expert*innen-Interviewstudie (30-40 Interviews) ermitteln wir die globalen Gemeinsamkeiten und Unterschiede bioethischer Konflikte aufgrund der Corona-Pandemie. Dabei konzentriert sich der gewählte empirisch-ethische Forschungsansatz auf die Darstellung bioethischer Konfliktpotentiale in den Bereichen Public Health und Gesundheitskompetenz, medizinisch-klinischer und der Pflegebereich. Die gewählte Methode beschreibt eine Kombination aus empirischer Forschung und ethischer Analyse und gestaltet sich somit kontextsensitiver als die rein normative Ethik. Ziel der Studie ist es, über eine Reflexion die kulturellen Kontexte und die Situierung von bioethischen Konflikten  ein ethisches „Global Mapping“ zu erarbeiten.

In einem weiteren Schritt extrahieren wir aus der Gesamtzahl der durchgeführten Interviews ca. 30 Kurzpodcasts, die als virtuelle Zusammenschau einen Beitrag zur für die interessierte Öffentlichkeit  sowohl im Rahmen einer Website als auch in einer realen Ausstellung im Forum Wissen leisten sollen.

Das Projekt stellt somit eine Möglichkeit dar, Bioethiker*innen und weiteren Personen aus Medizin, Public Health und Pflege aufzuzeigen, welche bioethische Konflikte im Zusammenhang  mit der Corona-Pandemie bestehen. Es soll dazu beitragen, das ethische, kulturelle und soziale Verständnis über aktuelle und auch zukünftige ethische Herausforderungen im Zusammenhang mit epidemischen und pandemischen Krisensituationen zu erweitern und außerdem als Material für die Lehre der Bioethik zur Verfügung gestellt werden.


2020 – 2022: Dissertationsprojekt: „Die Corona-Krise als Prüfstein für gerechte Ressourcenverteilung im Krankenhaus – eine empirisch-ethische Untersuchung“

Bearbeitet von:
Clemens Friedrich Schmidt, cand.med c.schmidt01(at)stud.uni-goettingen.de

Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Silke Schicktanz sschick(at)gwdg.de
Laufzeit: Sept. 2020 – Mai 2022

Die Covid19-Pandemie hat neben tiefgreifenden Veränderungen in unserem Alltag auch eine Herausforderung an die Verteilung von Gesundheitsressourcen im Krankenhaus mit sich gebracht. Schutz- und Desinfektionsmaterial waren durch den Anbruch der Pandemie plötzlich nicht nur relativ, sondern absolut knapp und mussten in kürzester Zeit beschafft, bevorratet und umverteilt werden. Auch Knappheiten in der Behandlungszeit und im Personal mussten verarbeitet werden. Ethische Konflikte um die sogenannte Triage dominierten anfangs die Diskussion. Hier handelt es sich um die Zuweisung potenziell lebensrettender, intensivmedizinischer Ressourcen auf der individuellen Patient*innenebene. Anschließend wurde eine Debatte um Verteilung von Impfstoffen auf einer höheren, makroskopischen Ebene, angestoßen. Jedoch ist die Ressourcenlage auf der dazwischen liegenden Ebene, in den Institutionen wie Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, weiterhin angespannt und nicht entsprechend in der öffentlichen Debatte repräsentiert.

Ziel der Studie ist es zu untersuchen, welche ethischen Probleme bei der Ressourcenverteilung im Krankenhaus als Institution des Gesundheitswesens aufgetreten sind. Hierfür soll mittels einer qualitativen Untersuchung (Expert*innen-Interviews) beforscht werden, wie Mitarbeitende kleiner und mittelgroßer Krankenhäuser der Region Göttingen die Krisensituation im Frühjahr 2020 hinsichtlich der Kommunikation und Umsetzung von Zuteilungssentscheidungen wahrgenommen haben. Wurden aus Sicht der Mitarbeitenden die knappen Ressourcen gerecht verteilt, z.B. in Bezug auf Partizipation und Transparenz? Das Projekt soll so einen Beitrag leisten zur fachethischen Diskussion über gerechte Ressourcenverteilung in Krisensituationen und eine Forschungslücke bedienen zu der Perspektive von Mitarbeitenden im Gesundheitswesen.


Seit 2020: Forschungsprojekt: „Leben und Lebensgrundlagen: Präferenzen der Öffentlichkeit zu Regierungsmaßnahmen zur Pandemiebekämpfung“

Bearbeitet von:
Dr. Mesfin Genie (Health Economics Research Unit Aberdeen)
Dr. Luis Loría-Rebolledo (Health Economics Research Unit Aberdeen)
Dr. Shantini Paranjothy (University of Aberdeen)
Dr. Daniel Powell (University of Aberdeen)
Prof. Dr. Mandy Ryan (Health Economics Research Unit Aberdeen)
Dr. Ruben Sakowsky (Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Göttingen)
Dr. Verity Watson (Health Economics Research Unit Aberdeen)

Ansprechpartner:
Dr. Ruben Andreas Sakowsky rubenandreas.sakowsky(at)med.uni-goettingen.de
Förderung: Health Economics Research Unit of the University of Aberdeen
Laufzeit: Mai 2020 – unbestimmt

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Weltweit haben Regierungen auf die Covid-19-Pandemie mit sogennanten Lockdown-Maßnahmen reagiert. Diese Maßnahmen unterschieden sich in ihrem Ausmaß und in ihrer Länge zum Teil stark von Land zu Land.

Während die Lockdown-Maßnahmen notwendig waren und sind um Menschenleben zu retten, so zogen sie auch eine starke Einschränkungen des öffentlichen Lebens und des wirtschaftlichen Handelns mit sich. Viele Arbeitnehmer mussten in Teilzeit arbeiten oder verloren ihre Arbeit ganz. Patienten hatten eingeschränkten Zugriff auf Gesundheitsleistungen und Eltern mussten sich auf die Schließung erzieherischer Einrichtungen einstellen.

Dieses Projekt, welches von der Health Economics Research Unit in Aberdeen (Schottland) koordiniert wird, untersucht die Präferenzen von Bürgern zu Lockdown-Maßnahmen. Insbesondere erforschen wir, welche Einschränkungen Bürger zu tragen bereit sind um Leben zu retten.

Wir erforschen, wie sich Alter, Geschlecht und Einkommen auf diese Präferenzen auswirken. Zudem erheben wir mittels einer neuen Methode (die Kombination des Moral Foundations Questionnaire-20 mit einem Discrete Choice Experiment), welche Auswirkungen moralische Einstellungen auf die Präferenzen von Bürgern haben. Auch im Visier unserer Forschung steht die Bereitschaft, sich an Lockdown-Vorgaben zu halten.

Unsere Forschung soll untersuchen, welche Art von Lockdown für Bürger mit den höchsten Einschränkungen verbunden ist und welche Lockdown-Vorgaben voraussichtlich am ehesten befolgt werden. Dies kann wertvolle Erkenntnisse liefern um zukünftige Lockdowns so zu gestalten, dass Bürger so wenig wie möglich in ihrem Leben eingeschränkt werden und die Akzeptanz und Befolgung der Lockdown-Regeln möglichst hoch ausfällt. Die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen moralischen Einstellungen und Lockdown-Präferenzen kann helfen, in der Bevölkerung effektiver für Vertrauen in die geplanten Maßnahmen zu werben.

Genie, M. G., Loría-Rebolledo, L. E., Paranjothy, S., Powell, D., Ryan, M., Sakowsky, R. A. and Watson, V. (2020) 'Understanding public preferences and trade-offs for government responses during a pandemic: a protocol for a discrete choice experiment in the UK', BMJ Open, 10(11), e043477. dx.doi.org/10.1136/bmjopen-2020-043477


2021 – 2023: Forschungsprojekt „Infection and Injustice. Narrative Responses to Pandemics”

Bearbeitet von:
Prof. Dr. Silke Schicktanz (Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Göttingen) sschick[at]gwdg.de
Prof. Dr. Moritz Ege (ISEK Zürich) mege[at]uni-goettingen.de
Prof. Dr. Andrew Gross (Georg-August-Universität Göttingen) Andrew.Gross[at]phil.uni-goettingen.de
Prof. Dr. Franziska Meier (Georg-August-Universität Göttingen) Franziska.Meier[at]phil.uni-goettingen.de
PD Dr. Richard Hölzl (Georg-August-Universität Göttingen) Richard.hoelz[at]phil.uni-goettingen.de
Dr. Carna Brkovic (Georg-August-Universität Göttingen) carna.brkovic[at]uni-goettingen.de

Ansprechpartnerinnen:
Prof. Dr. Silke Schicktanz (Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Göttingen)
Victoria Morick, M.Ed. (Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Göttingen) victoria.morick[at]med.uni-goettingen.de
Förderung: universitätsinterne Förderung
Laufzeit: 2021 – 2023

Die Corona-Pandemie ist nicht das erste (und vermutlich nicht das letzte) Beispiel für eine Infektionskrankheit, die eine soziale Panik auslöst. Pandemien sind Krisen des öffentlichen Gesundheitswesens: Sie gefährden nicht nur Individuen oder Gemeinschaften, sondern die Art und Weise, wie sich Gemeinschaften in Öffentlichkeiten organisieren. Um die aktuelle Krise besser zu verstehen, möchten wir untersuchen, wie Menschen Narrative zu ihren Erfahrungen mit Infektion mit Blick auf Ungerechtigkeit gestalten.

Der Begriff Ungerechtigkeit soll nicht auf eine bestimmte Auffassung von Gerechtigkeit in der Rechtswissenschaft, der Moralphilosophie oder dem geltenden Recht verweisen. Man braucht keine juristische Ausbildung, um das Gefühl zu haben, ungerecht behandelt zu werden. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, impliziert jedoch bestimmte Gefühle in Bezug auf Gerechtigkeit, Fairness, soziale Anerkennung, kurz gesagt, den öffentlichen Bereich. Wir interessieren uns dafür, wie Menschen diese Gefühle in Narrativen kanalisieren: Was wird als ungerecht empfunden? Wie wird Ungerechtigkeit artikuliert? Wie wird sie kommuniziert und wo?

Um die narrativen Komponenten von Ungerechtigkeit zu untersuchen, kombiniert unsere interdisziplinäre Forschungsgruppe Ansätze aus den Literatur- und Kulturwissenschaften, der Geschichte und der Bioethik. Wir skizzieren insgesamt sechs Fallstudien zur Untersuchung narrativer Reaktionen auf Pandemien (von Benjamin Franklins Position zu Impfstoffen über die Rolle von Pandemien in Camus' literarischem Werk und die Gründung internationaler Gesundheitsorganisationen bis hin zu aktuellen Anti-Impf-Protesten und südosteuropäischen Flüchtlingslagern). Diese Fallstudien veranschaulichen, wie verschiedene Akteursgruppen an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten Infektion und Ungerechtigkeit miteinander verbinden. Indem wir uns auf die narrativen Aspekte der Ungerechtigkeit konzentrieren, versuchen wir, eine Typologie zu entwickeln, die es uns ermöglicht, Ergebnisse zu vergleichen und über disziplinäre Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten.

Workshop I: “Infection and Injustice. Narrative Responses to Pandemics – Interdisciplinary Perspectives” (05.-07. November 2021, Fulda)